JURY STATEMENT
Cansu Yıldıran schlägt auf eine besonders fluide und poetische Weise Licht auf queere Menschen, denen Gewalt angetan wurde. Über dokumentarische Inszenierungen schafft Cansu Yıldıran eine Art Fabelraum für das empathische, wertschätzende Gedenken an Held*innen, deren Namen (noch) kein Denkmal gebaut wurde. Deren Geschichten als knappe, objektifzierende Opfergeschichten drohen unterzugehen. Queere Held*innen als kraftvolle Fabelwesen in einer unheimlichen, aber durchaus utopisch schimmernden Bildwelt.
FATHOM
Fathom, was auf Deutsch so viel wie ergründen, begreifen, ausloten bedeutet – so titelt Cansu Yıldırans Doku-Fiction Serie, die mystisch, unerschrocken und poetisch uneindeutig die Geschichten ermordeter queerer Menschen in der Türkei erzählt. Die Poesie in der Bildsprache, die gleitenden Farbfelder, die weichen Konturen und der dunkle, aber nicht ganz schwarze Schlot im Hintergrund, schaffen Raum für unerzählte Möglichkeitsräume, fabelhafte, fluide Realitäten, die sich behaupten. Dokumentation und Inszenierung ist dem Medium der Fotografie als Spannungsfeld eigen. Im eigentlichen Sinn machen Portraits aus, dass sie klar erkennbare, eindeutig identifizierbare Personen aus der Gesellschaft, Literatur oder Religion zeigen. Cansu Yıldıran greift diese Konstellation auf und politisiert sie, indem Cansu in imaginierten Portraits Identifikation, eindeutige Erkennbarkeit mit Weite, Unklarheit in der Erzählung und dem Unheimlichen, Unerkennbaren verschränkt und menschliche Verbindungen zieht: Cansu Yıldıran formuliert selbst: „Ich habe imaginäre Porträts von lsbtqia+ Personen gemacht, die ihr Leben aufgrund von Menschenrechtsverletzungen und Hassverbrechen verloren haben und diese auf lebende Mitglieder der LSBTQIA+ Community übertragen. Ich glaube nämlich, dass es eine starke Verbindung zwischen denen gibt, die getötet wurden und denen, die überlebt haben; denen, die jetzt diesen Kampf und dieses Leid tragen. Jede Generation erbt die Träume der vorherigen Generation und lebt diese Träume, die vielleicht diejenigen, die nicht mehr unter uns sind, verwirklichen können.“
BIOGRAFIE
Die künstlerische Praxis von Cansu Yıldıran (Istanbul, 1996) kann als beharrliche und leidenschaftliche Suche nach „Heimat“ betrachtet werden. Auf der Suche nach dem Konzept von Heimat, können die Stationen ein Körper, ein Ort, ein Gefühl, Freunde oder eine Gemeinschaft sein. Yıldıran dokumentiert verschiedene Geschichten und inszeniert nicht-normative Erzählungen und Rituale durch visuelle Kunst, wobei Yıldıran sich beim Erzählen von Geschichten persönlicher Erfahrungen inspirieren lässt. Während der Ausgangspunkt Yıldırans Geschichten persönliche Verbindungen und Anliegen sein können, lässt Yıldıran sich auch von sozialen Bewegungen, dem kollektiven Gedächtnis und der mündlichen Überlieferung inspirieren, die Yıldıran durch eine längere Untersuchung vertiefet und vielschichtiger macht. Yıldırans künstlerische Praxis konzentriert sich darauf, Gedanken zu provozieren und emotionale Verbindungen zum Publikum herzustellen. Durch Cansu Yıldırans einzigartigen Erzählstil und Cansus visuelle Ästhetik will Cansu die Tiefen der Bedeutung des Alltags erkunden. Im Jahr 2024 gewann Cansu den Foam Talent 2024–2025 und die Pride Photo Foundation. Im Jahr 2023 wurde Cansu für den Foam Paul Huf Award nominiert. Im Jahr 2022 wurde Cansu mit dem Women Photograph Project Grants ausgezeichnet. Im Jahr 2021 belegte Cansu den ersten Platz in der Kategorie Widerstand des All Out Photography Award und kam in die engere Wahl für den Hauptpreis des PH Museum Photography Grant 2021. Im Jahr 2018 wurde Cansu für die World Press Photo Joop Swart Masterclass ausgewählt.