Jury Statement
Frances Marshall zeigt konzentrierte Porträtserie, die queere Menschen in abrahamitischen Glaubensräumen sichtbar macht. Die Arbeit richtet den Blick auf Menschen, die Verantwortung übernehmen, füreinander einstehen und dort Öffnungen schaffen, wo Enge und Ausschluss queerer Menschen dominieren. In ihrer Reduktion entfalten die Fotografien eine eindringliche Klarheit: Queerness und Glaube erscheinen nicht als Widerspruch, sondern als Praxis von Halt und Verbundenheit. Eine ruhige, bestimmte Setzung, die Zugehörigkeit vertritt. Auch für queere Menschen kann Glaube Zuflucht und Geborgenheit sein, ein Gehaltenwerden, das jedoch ohne jene, die diese Räume aktiv öffnen, meist institutionell verschlossen bliebe.
Queer Religion
Queer Religion versteht sich als Einladung zum Dialog zwischen zwei der prägendsten Spannungsfelder unserer Gegenwart: Queerness und Religion. Aus der Perspektive einer queeren Atheistin richtet sich der Blick auf prominente, offen queere Persönlichkeiten innerhalb religiöser Kontexte – Menschen, die mit großer persönlicher Konsequenz ihrer eigenen Wahrheit folgen und zugleich Impulse für Veränderung in monotheistischen Traditionen setzen. Ihre Sichtbarkeit eröffnet Räume der Zugehörigkeit innerhalb von Institutionen, die historisch häufig durch Ausschluss und Queerfeindlichkeit geprägt waren. Indem sie Glauben, Identität und Öffentlichkeit neu miteinander verhandeln, verschieben sie die Grenzen dessen, was innerhalb religiöser Gemeinschaften denk- und lebbar ist. „Religion ist mehr als nur Glaube, sie ist Macht und Einfluss. Dieser Einfluss betrifft uns alle, unabhängig von unserem eigenen Glauben. Kritik ändert nichts, ebenso wenig wie Ablehnung. Wie bewegen wir uns also auf diesem schmalen Grat?“ – Chelsea Shields
Biografie
Frances Marshall ist eine irische Kunstfotografin, die vorwiegend in Großbritannien, Europa und den USA tätig ist. Zu ihren Auftraggeber:innen zählen einige der international bedeutendsten Persönlichkeiten der klassischen Musik sowie renommierte Kunstinstitutionen. Für ihre künstlerische Arbeit und Ausstellungstätigkeit wurde sie unter anderem mit Portrait of Britain ausgezeichnet, war Halbfinalistin beim Head On Festival in Sydney und stand auf der Shortlist der Royal Photographic Society International Exhibition, des Helsinki Photo Festival sowie des Taylor Wessing Award (UK). Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, zuletzt in San Francisco, Großbritannien, Irland und New York, und befinden sich in der ständigen Sammlung der National University of Ireland in Maynooth. Im Zentrum von Marshalls Praxis steht die Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Differenz und den Spannungsfeldern zwischen Nähe und Fremdheit. Ihre Arbeit befragt die Paradoxien, die unsere Urteile prägen, und macht sichtbar, wie Vorannahmen unsere Fähigkeit zu Empathie und Verbindung begrenzen. Indem sie diese inneren Grenzziehungen reflektiert, eröffnet sie neue Perspektiven auf Gemeinschaft und die vielschichtigen Dimensionen von Intersektionalität. „Ich bin immer wieder fasziniert davon, was jeder von uns als fremd oder andersartig wahrnimmt, und beschäftige mich intensiv mit Paradoxien sowie mit unseren Vorurteilen und Urteilen, die wie Ketten an uns hängen. Diese Ketten führen dazu, dass wir unsere Empathie einschränken und unsere Fähigkeit, Verbindungen zu knüpfen, begrenzen und heute neugierig zu bleiben, scheint für viele von uns das größte Hindernis zu sein. Durch meine Arbeit lerne ich neue Perspektiven kennen, nicht nur über die Gemeinschaft, der ich angehöre, sondern auch über die Nuancen der Intersektionalität, die ich zuvor nie in Betracht gezogen habe. Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit Herzen und Köpfe dafür öffne, neugieriger statt wertend zu sein, und dabei stets von Empathie und Sensibilität für die Erfahrungen anderer ausgehe, die sich von den eigenen unterscheiden.“ – Frances Marshall