Jury Statement
林家夯 / Lin Jaihang macht das fragile Zusammenspiel von Vertrautheit, Begehren und Fürsorge in Gesten körperlicher Nähe erfahrbar. Seine Fotografien verbinden Zartheit mit spielerischer Leichtigkeit, geprägt von zartem Licht, Wärme und Intimität. In einer sich verdunkelnden Gegenwart eine Perspektive, die uns an die Möglichkeit des Schönen in Nähe und berührender Körperlichkeit erinnert.
Zsa Zsa Zsu
„I know he’s a jerk, but for some reason, he just makes me feel that zsa zsa zsu.“ Mit diesem Zitat aus Sex and the City beschreibt Carrie Bradshaw den kaum erklärbaren, oft irrationalen Moment von Aufregung im Zentrum von Liebe. Dieser plötzliche emotionale Impuls, jenseits von Geschlecht, Norm und Logik, bildet den konzeptuellen Ausgangspunkt dieser fotografischen Serie. Die Arbeit entstand zwischen 2022 und 2024 in Taiwan, dem ersten Land in Asien, das die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Während dieses rechtliche Ereignis einen bedeutenden Wandel der Sichtbarkeit markiert, wirken zugleich weiterhin tief verankerte kulturelle Schweigenstrukturen rund um Sexualität als unsichtbarer Druck auf queere Lebensrealitäten. In diesem Kontext werden intime Beziehungen zu zentralen Infrastrukturen der Fürsorge, die emotionale Unterstützung und psychische Stabilität ermöglichen. Das Projekt ist in einem persönlichen Heilungsprozess verankert. Geprägt von Erfahrungen der Ausgrenzung und des Mobbings aufgrund einer nicht-normativen Geschlechtspräsenz, versteht sich die Arbeit als eine Form sanfter Gegen-Erzählung. In Begegnungen mit gleichgeschlechtlichen Paaren in ihren häuslichen Räumen dokumentiert die Serie alltägliche Gesten der Intimität, gemeinsames Kochen, nebeneinander Ruhen, das Arrangieren von Kleidung und stille körperliche Zuwendung. Im Rahmen von Holding Each Other: Community Care in Times of Crisis wird zsa zsa zsu als Form von Widerstand neu gelesen: als Schutzraum in Zärtlichkeit, Verbundenheit und gemeinsamem Leben. Die Bilder zeigen, wie Fürsorge in kleinsten Gesten entsteht, und wie Intimität zur Antwort auf sozialen Druck und gesellschaftliche Begrenzung wird. Die Serie versteht Liebe schließlich als affektive Intensität ebenso wie als tragende Struktur, als alltägliche Praxis des Sich-Haltens, die sich als eine der widerständigsten Formen leiser Resilienz fortschreibt. Das Zuhause und die Liebe gleichgeschlechtlicher Paare suchen im Grunde nach jenem ursprünglichen „Zsa Zsa Zsu“ – dem Nervenkitzel und der Wärme der Zweisamkeit. Mit diesen Fotografien möchte ich der Welt zeigen, dass unsere Liebe genau wie jede andere ist und dass diese alltägliche Intimität der stärkste Ausdruck von „Holding Each Other“ und unsere zärtlichste Form des Widerstands ist.
Biografie
Lin Jaihang beschäftigt sich mit Intimität, Begehren und Identität in queeren, männlichen Beziehungen. Indem er sich selbst und seine Partner fotografiert, hält er stille Gesten und flüchtige Momente fest, die die Liebe zwischen Männern prägen. Seine Bilder gehen über reine Dokumentation hinaus und reflektieren Sichtbarkeit, Verletzlichkeit sowie die Spannung zwischen Offenbarung und Verborgenheit im queeren Leben. Lin wurde in den 1990er Jahren geboren und gehört einer Generation an, die von Taiwans Wandel von Unterdrückung hin zu zunehmender Offenheit geprägt ist. Seine Arbeiten bilden sowohl persönliche als auch kollektive Porträts dieses Übergangs und zeichnen die Vielfalt queerer Identitäten im heutigen Taiwan nach. Im Jahr 2023 trat Lin in der queeren Reality-Dating-Show „Boys Like Boys“ von HBO auf. Im Jahr 2024 wurde er während seiner Teilnahme an der Nanjing Art Book Fair in China aufgrund seiner fotografischen Arbeit kurzzeitig festgenommen, was eine internationale Diskussion über queere Sichtbarkeit und künstlerische Freiheit auslöste.
Durch Fotografie und unabhängige Veröffentlichungen trägt Lin zu einer pluralistischen Erzählung queerer Existenz bei, die Selbstakzeptanz und Sichtbarkeit bekräftigt.